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Schon gewusst, dass ... Flusspferde im eiszeitlichen Rhein badeten? – Warum Flusspferde das eiszeitliche Europa bevölkerten, weiß Paläogenetiker Patrick Arnold

  • Patrick Arnold im Gespräch.
    Foto: Thomas Roese
    Patrick Arnold ist seit 2019 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Evolutive und Adaptive Genomik.
  • Linkes Unterkieferfragment eines weiblichen Flusspferdes aus Rheinland-Pfalz.
    Foto: Rebecca Kind
    Linkes Unterkieferfragment eines weiblichen Flusspferdes aus Rheinland-Pfalz.

Es gibt nicht viele Forschungsgebiete, in denen die Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufengleich ein ganzes Nilpferd zu Tagefördert. Für den Paläogenetiker Patrick Arnold und die Forschenden des Verbundprojekts „Eiszeitfenster Oberrheingraben“ waren die Ergebnisse von DNA-Analysen alter Knochenfragmente eine kleine Sensation – und zwar in vielerlei Hinsicht. „In dem Zeitraum, auf den wir die Stücke datieren konnten, galten große Teile Nord- und Mitteleuropas eigentlich als großflächig mit kilometerdickem Eis bedeckt“, sagt Arnold. „Der Pflanzenbewuchs war allenfalls minimal, vermutlich wie in der Tundra im heutigen Sibirien. Ein klassisches Habitat für eiszeitliche Fauna wie Mammuts oder Wollhaarnashörner. “Tiere also, die an Trockenheit, Kälte und Lebensräume mit spärlicher Vegetation angepasst waren. Dass Fossilien aus dieser kalten Zeit von wärmeliebenden Nilpferden stammen sollten –das galt lange als ausgeschlossen.

Hinzu kommt: Am Oberrhein wurde nie systematisch nach Fossilien gegraben. Stattdessen traten die Knochenfunde in industriellen Kiesgruben zutage und fanden von dort ihren Weg in private Sammlungen. Viele Stücke sind beschädigt, zerstört, und in welchen Erdschichten sieursprünglich lagen, bleibt ungewiss. „Für wissenschaftliches Arbeiten eigentlich der Super-GAU“, sagt Arnold. Zu allem Pech sind die Fossiliendurch Unmengen fremdes Genmaterial kontaminiert, von Menschen, Tieren, Pilzen oder Bakterien. Die Überreste eines Nilpferds dann auch ohne jeden Zweifel als solche zu bestimmen, ist demnach keine Selbstverständlichkeit. Im Durcheinander der DNA-Schnipsel wird selbst ein tonnenschwerer Koloss nahezu unauffindbar klein. 

Forschende brechen mit altem Paradigma 

Dabei reißt die Entdeckung von Nilpferd-Fossilien an sich in Europa längst keinen Paläontologen mehr vom Sessel. Im Gegenteil: Die pummeligen Großmäuler mit den kurzen Beinen haben von Südeuropa über Frankreich bis nach England ihre Spuren hinterlassen. Nur eben zumeist in einer Zeit, als es allgemein wärmer war als noch in unserer vorindustriellen Zeit. Typische Vertreter dieser sogenannten Eem-Warmzeit waren Wasserbüffel, Wildpferde, Steppennashörner oder auch riesige Waldelefanten. Flusspferde galten lange Zeit als Anzeigetiere für warme Perioden par excellence.

„Flusspferde brauchen einerseits große Mengen an Grasbewuchs an Land, andererseits darf das Wasser nie zufrieren, weil sie tagsüber fast immer im Wasser liegen“, sagt Patrick Arnold. Als seine DNA-Analysen die „Dicken vom Oberrhein“ – wie die Wochen-zeitung ZEIT formulierte – ausgerechnet mitten in der Eiszeit verorteten, war die Skepsis in der Fachwelt zunächst groß. Denn den verbreiteten Zirkelschluss, der die behäbigen Schwimmer als paläontologische Anzeigetiere für gesetzt hielt, hatte lange Zeit kaum jemand infrage gestellt: Wenn dort Flusspferde lebten, könne es sich nur um Funde aus der letzten Warmzeit vor rund 120.000 Jahren handeln. Und weil es sich um Funde aus der letzten Warmzeit handelt, finden sich am Oberrhein auch Flusspferde. Oder etwa nicht? 

„Dass Kollegen aus Mannheim die Funde überhaupt mittels Radiokarbonmethode datiert haben, hat schon fast etwas Ketzerisches“, sagt Patrick Arnold. Denn die auf dem Vorhandensein von Kohlenstoff basierende Methode gelangt bei50.000 Jahren an ihre physikalische Datierungsgrenze. Viele weitere Tests waren erforderlich, um mögliche Fehlerquellen und Unschärfen stichhaltig auszuschließen – bis hin zum Kohlenstoff des ölbasierten Lacks, mit dem die Fundstücke von den Sammlern bepinselt worden waren. Gleichwohl hätten die Wissenschaftler*innenwohl kaum brauchbare DNA extrahieren können, wären die Funde nicht so jung. Denn das DNA-Molekül übersteht eine Lagerzeit von 120.000Jahren bestenfalls im sibirischen Permafrost.

Wärmeinseln in der Eiszeit 

Und die Nilpferde? Die bilden ein weiteres Puzzlestück für eine These, die Paläontolog*innen anhand von Bodenproben und pflanzlichen Überresten schon länger verfolgen: Zumindest phasenweise war die Eiszeit gar nicht so kalt. Vielmehrdürfte es in Europa gebietsweise durchaus erträglich gewesen sein, mit Wintern, in denen zumindest die Flüsse nicht zu Eis erstarrten. „Auch heute ist das Rheintal eine der wärmsten Regionen bei uns“, sagt Patrick Arnold. „Deswegen eignet es sich hervorragend für den Weinbau.“ 

Zwar gibt es keine handfesten Belege dafür, dass auch Menschen diese Wärmeoasen mit den Flusspferden teilten. Ganz auszuschließen ist es damit aber nicht, im Gegenteil. Zeitlich wie geografisch wäre die Überlappung zwischen Nilpferd und der Gattung Homo durchaus gegeben, und andere Fundorte in Deutschland legen nahe, dass beispielsweise Mammuts von Neandertalern oder auch modernen Menschen gejagt wurden. 

Wie kommt das Nilpferd über das Mittelmeer? 

Und noch eine weitere Erkenntnis hat die Fachweltüberrascht: Die fassförmigen Dickhäuter existierten in kleinen Gruppen von wenigen Individuen nicht nur lange in die Eiszeit hinein in Europa, sondern waren anatomisch wie genetischmit heutigen Flusspferden im subsaharischen Afrika identisch. Ein Hinweis darauf, dass die nur sehr langsam evolvierenden Tiere über viele Tausend Jahre hinweg immer wieder aus der afrikanischen Heimat ihren Weg nach Europa gefunden haben könnten. 

Wie so oft werfen neue Erkenntnisse auch neue Fragen auf: Wie gelangt ein Nilpferd von Afrika nach Mannheim? Und das auch noch ein ums andere Mal. Eine durchgehende Flussverbindungexistierte vermutlich nicht. Der Weg über die Rhone in die heutige Schweiz bis ins Elsass wird als mögliche Wanderroute gehandelt. Auch auf Sizilien oder Zypern existierten kleine Nilpferdarten, die jedoch genetisch von den Flusspferden in Europa und Afrika verschieden waren. 

Stammesgeschichtlich gelten Nilpferde als die nächsten Verwandten der Wale. Trotzdem sind sie vergleichsweise schlechte Schwimmer und eher dafür gebaut, wie Bojen im Wasser zu treiben. Aber die Passage über das offene Meer? Klar ist: Mit dem Beginn des letzteiszeitlichen Maximums vor etwa 30.000 Jahren wurde es auch für die Hippos am Rhein endgültig zu kalt. „Vermutlich ist dann irgendwann der Rhein auch malzugefroren“, sagt Patrick Arnold. 

 

Dieser Text erschien im Universitätsmagazin Portal - Eins 2026 „Inklusion“.